#interview #liebeohnezwang


Liebe Ohne Zwang

Liebe ohne Zwang ist ein Projekt vom Netzwerk gegen Menschenhandel e.V.


Prävention liegt Ihnen am Herzen! Als Netzwerk sensibilisieren und befähigen Sie Menschen, durch Präventionsmaßnahmen Menschenhandel zu erkennen und dagegen vorzugehen.


Durch das Programm "Liebe ohne Zwang" wollen Sie möglichst viele Menschen erreichen – vor allem Kinder und Jugendliche, für die „Loverboys“ die größte Gefahr darstellen.


An wen kann man sich wenden, wenn man selbst davon betroffen ist?

Lokale Beratungsstellen (siehe www.kok-gegen-menschenhandel.de), Hilfetelefon (08000 116 016)


Wie oft kommt es wirklich vor, dass sich Betroffene selbst bei Euch melden?

Eher selten, meistens melden sich Eltern/Bezugspersonen von Betroffenen.


Wie kann man als Außenstehende/r Betroffenen helfen?

Dran bleiben, immer wieder Hilfe anbieten, sich selbst Hilfe holen, alles aufbewahren, was man kriegen kann (Chatverläufe, Autokennzeichen, Bilder, Notizen, Adressen...), ggf. Polizei einschalten, Verständnis zeigen und Vertrauen aufbauen (siehe auch https://liebe-ohne-zwang.de/betroffene oder https://liebe-ohne-zwang.de/betroffene/freunde oder https://liebe-ohne-zwang.de/betroffene/vertrauenspersonen)


Welche Rolle spielt Cybergrooming dabei?

Cybergrooming ist eine Art der digitalen, sexuellen Belästigung und somit einfach von der Definition her eine andere Kategorie als die Loverboy Methode.

Außerdem wird der Begriff in Deutschland fast ausschließlich im Zusammenhang mit Jugendlichen verwendet.

Loverboys nutzen ähnliche Strategien, sind aber im Deliktsfeld Menschenhandel und Zuhälterei zu verorten. Ihre Zielgruppe sind nicht ausschließlich Jugendliche, sondern auch junge Erwachsene (sogar bis hin zu Erwachsenen im mittleren Alter).

Der Unterschied zwischen beiden ist das verfolgte Ziel der Täter, denn Loverboys belästigen Jugendliche dabei nicht zu ihrer eigenen, privaten Befriedigung, sondern verfolgen einen kommerziellen, öffentlichen Zweck damit.

Dennoch ähneln sich beide Felder, da auch Loverboys oft Nacktfotos von ihren Opfern bekommen wollen und anzüglich mit ihnen chatten, bzw. sie auch sexuell missbrauchen.


Wie viel Betroffene gab es im Jahr 2020 in Deutschland? Wohin geht die Tendenz?

Bisher haben wir nur die Zahlen von 2018, die aber auch lediglich das Hellfeld repräsentieren.

Für Zahlen aus dem Hellfeld siehe https://www.bka.de/DE/AktuelleInformationen/StatistikenLagebilder/Lagebilder/Menschenhandel/menschenhandel_node.html

Leider gibt es keine gezielten, flächendeckenden Erhebungen für diese Problematik.

In unseren Schulworkshops machen wir die Erfahrung, dass immer wieder Betroffene oder ehemals Betroffene dabei sind oder Schüler_innen anonym auf unserem Feedbackbogen am Ende ankreuzen, dass sie eine betroffene Person persönlich kennen.

Tatsächlich kreuzt in unseren Workshops durchschnittlich 1 Schüler_in pro Klasse diese Option an.


Kann man die Masche bzw. die Vorgehensweise auch auf die Modelbranche übertragen?

Ja, Loverboys nutzen alle möglichen Zugänge! Letztendlich sind Loverboys Zuhälter und wie sie die Mädchen in die Prostitution kriegen kann unterschiedlich verlaufen.

Manche locken mit der Masche Liebe, andere mit scheinbar guten Job Angeboten in der Modelbranche etc.


Gefahrenquelle Social Media. Worüber entsteht heutzutage oft die Kontaktaufnahme?

Instagram!

Aber auch Dating Apps (Lovoo, Badoo, La blue, Tinder), Snapchat, TikTok, Whatsapp usw. Instagram sei laut eines ehemaligen Loverboys so einfach, weil die Mädchen dort auf den Bildern so viel preisgeben und man dadurch leicht erkennen kann, ob sie an einem Insta-Luxusleben interessiert wären, welches dann von ihm versprochen wird.


Welche Manipulationstechniken werden oft angewendet?

- das Geben von Kosenamen wie Prinzessin, Queen, Schönheit etc. (hilft wenn der Loverboy versucht viele junge Frauen gleichzeitig zu rekrutieren – dann kommt er nicht so leicht durcheinander)

- das gemeinsame Träumen von einer „besseren“ Zukunft – Luxusreisen, Haus, Auto, Luxusleben im Allgemeinen. Oder auch Karriereträume wie (Insta-)Model, Schauspielerin …

- bei sexuell unerfahrene Mädchen/junge Frauen sie an hardcore pornografische sexuelle Praktiken gewöhnen in dem der Loverboy sie als völlig normal verkauft oder ihr sagt, dass sie nur sexuell frei sein kann wenn sie x, y macht, sonst ist sie prüde.

- „Zuckerbrot und Peitsche“, Emotionale Distanz, wenn das Mädchen nicht macht, was er sagt oder Gewalt und danach Zärtlichkeit im Wechsel.

- „Worte in den Mund legen“ z.B. du hast doch gesagt, dass...; du wolltest doch …

- Das Verdrehen von Situationen, z.B. ich hab so viel für dich getan, jetzt musst du auch mal was für mich machen, es war doch deine eigene Entscheidung, dass …, Du bist selber Schuld, weil..., du bist nichts Wert, weil

- im weiteren Verlauf dann das Ansprechen als Nutte, Hure, Dreck und alle möglichen, degradierenden Namen

- Drohen und Gewaltanwendung, z.B. „wenn du das nicht machst, bring ich deine Eltern um“, „Ich erzähl mal der Polizei was du so alles verbrochen hast“, „ich hab Freunde bei der Polizei, die für mich arbeiten, da wird dir niemand helfen“, sowie das Schlagen, Treten, Vergewaltigen und gezieltes Quälen


Wie kann man sich gegen die Manipulationstechniken der Loverboys schützen?

Indem man diese Masche kennt und weiß wie er vorgeht und dann eigene Verhaltensmuster oder Einstellungen ändert, die einem vulnerabel machen – anders wird es sehr schwierig.

Genau dies machen wir aber mit den Jugendlichen in unserem Präventionsprogramm Liebe ohne Zwang.

Loverboys sind Meister der Manipulation und wissen immer genau was sie sagen müssen, um eine Situation zu entschärfen oder zu verdrehen.

Wichtig sind drei Dinge:

1. Das eigene Bauchgefühl ernst nehmen. Wenn man sich unwohl fühlt, sollte man sich nicht zwingen lassen, sondern seine eigenen Gefühle ernst nehmen und lieber danach handeln.

2. Fragen stellen! Wenn man jemanden noch nicht so gut kennt, sollte man auf Ungereimtheiten achten. Was kommt einen komisch vor, wo gibt er keine ausreichende oder eine ausweichende Antwort. Gibt es Beweise für das was er erzählt oder vorgibt zu sein?

3. Sich jemanden anzuvertrauen, den man wirklich kennt. Selbst wenn es schwerfällt, das ganze vielleicht doch mal mit der besten Freunden oder sogar den Eltern besprechen.

Das bringt zwei Vorteile, erstens je mehr Menschen davon wissen, desto weniger Macht hat der Loverboy und zweitens können andere das von einem distanzierten Standpunkt nochmal anders betrachten und dir ggf. einen guten Rat geben.


Wie macht Ihr auf das Thema aufmerksam?

Wir haben einen Workshop entwickelt, den wir im Schulkontext, aber auch in Jugendgruppen durchführen.

Die Jugendlichen als größte Zielgruppe der Loverboys sind besonders gefährdet, weshalb wir besonders mit ihnen über das Thema sprechen wollen.

Aber es ist auch wichtig, dass wir gesamtgesellschaftlich aufklären, damit eine große Allianz gegen Loverboys und Menschenhänder im Allgemeinen entsteht. Das machen wir mit verschiedenen Veranstaltungen, Vorträgen, Schulungen für Erwachsene, Interviews für verschiedenen Medien...etc.

Wir schulen auch Multiplikator_innen, die Jugendliche aufklären.


Sind irgendwelche Veränderungen bei der Masche zu erkennen?

So dynamisch wie sich die Jugend verändert, ändern Loverboys auch ihre Strategien.

Sie bleiben quasi an der Jugend dran.

Wenn vor 5 Jahren noch die Hauptplattform Facebook war, agieren Loverboys nun auf Instagram usw. Generell sind sie zunehmend in der digitalen Welt unterwegs, da diese für Jugendliche eben einen sehr großen Teil ihrer Lebenswelt ausmacht.


Zum Schluss möchten wir uns für die ausführlichen Antworten bei dem Netzwerk Liebe Ohne Zwang bedanken! Ein so wichtiges Thema, das wir gerne unterstützen wollen!



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